Neue Spielregeln: Wie KI das Agenturgeschäft definiert

Das neue GWA KI-Whitepaper 2025 ist erschienen – und offenbart eine riskante Selbstüberschätzung.
Der neue, 100 Seiten starke Report des Gesamtverbands der Kommunikationsagenturen (GWA) macht deutlich: Künstliche Intelligenz ist in der Agenturrealität angekommen – zumindest auf dem Papier. In der Praxis mittelständischer Agenturen sieht das oft noch anders aus.
Das Whitepaper legt eine zentrale Schwachstelle offen: eine deutliche Lücke zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichem Reifegrad im Umgang mit KI. Viele Agenturen halten sich für fortgeschritten – doch nur wenige setzen KI bereits strategisch und systematisch ein. Auch bei Auftraggeber:innen fehlt oft ein klares Verständnis für die Potenziale und Grenzen generativer KI.
Im GWA-Interview warnen die Herausgebenden Nina Ireen Haller und Prof. Peter Kabel eindringlich: „Diese Selbstüberschätzung ist gefährlich. Wer jetzt nicht handelt, wird schnell den Anschluss verlieren.“ Das betrifft Dienstleister ebenso wie Auftraggebende.
In einem LinkedIn-Beitrag brachte Timo Springer (DECAID) kürzlich ein bekanntes Phänomen treffend auf den Punkt: „In deinem Fachgebiet ist ChatGPT ein Idiot, aber bei allem anderen wirkt es wie ein Genie.“ Das weist auf ein echtes Risiko hin: Wir erleben ein „KI-Dunning-Kruger-Paradoxon“ – je weniger wir über ein Thema issen, desto überzeugender wirken KI-Antworten. Das gilt für Agenturen ebenso wie für Marketingabteilungen, die KI ohne fundiertes Gegengewicht einsetzen.
Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt für echte KI-Schulung. Es geht nicht nur um Tool-Wissen oder Prompt-Optimierung – entscheidend ist die Fähigkeit, relevante Anwendungsfälle zu erkennen, präzise Fragen zu stellen und KI-Ergebnisse differenziert zu bewerten.
Das Whitepaper liefert hierzu einen bemerkenswerten Gedanken: „Dies ist die erste digitale Revolution, bei der ältere Menschen im Vorteil sind.“ Erfahrene Mitarbeitende seien das perfekte Gegenüber zur Maschine – nicht trotz, sondern wegen ihrer Erfahrung. Denn es braucht Fachwissen und kritische Urteilskraft, um die auf den ersten Blick oft verblüffenden KI-Ergebnisse richtig einzuordnen.
Was aus meiner Sicht im Whitepaper (noch) zu kurz kommt: die politische Dimension. Angesichts der aktuellen Entwicklungen in den USA – sollten wir uns wirklich aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit weiterhin auf Copilot & Co. verlassen?
Oder gehört zu einer ethisch wie strategisch sinnvollen KI-Nutzung nicht auch die bewusste Nutzung europäischer und Open-Source-Alternativen? Mistral statt ChatGPT? Cogniwerk und Flux statt Midjourney? Fragen, die die KI-Herausforderung nicht einfacher machen – aber notwendiger denn je.
Was wir jetzt bei LIVING CONCEPT tun:
Wir entwickeln aktuell eine eigene KI-Policy als strategische Grundlage. Parallel entsteht ein Schulungskonzept, das auch den Anforderungen des EU AI Act gerecht wird.